Thurgauer Zeitung, 18. August 



Molière mit Mafiamusik

Sommertheater Girsberg: Scapin (Noce Noseda) und Sylvestra (Sara Francesca Hermann) bedienen Touristen aus dem Ensemble «il Cigno». (Bild: Dieter Langhart)

Die Liebe siegt über das Geld, die Jungen setzen sich gegen eingerostete Ansichten durch, der Diener kehrt den Spiess um und befiehlt den Herrschaften – das ist Molière in der erfrischenden, einfallsreichen Inszenierung auf Schloss Girsberg.

DIETER LANGHART

KREUZLINGEN. Holla! So muss eine Komödie enden: «Oh welche Freude, oh welche Überraschung, oh welche Glückseligkeit!» Zwei junge Menschen haben ihre Liebe gefunden – bevor ihre Eltern sie zwangsverheiraten konnten. Geholfen hat ihnen ein gutgesinnter Freund, der die Eltern vorgeführt und hinters Licht geführt hat, der sich deftige Streiche mit ihnen erlaubt hat und zum Schluss bescheiden meint: «Ich bin bloss ein kleiner Schelm.» Und dann anfügt: «Was du eben gesehen hast, ist nicht nur mein Werk, das ist das Werk von … Molière!»

Holla! Und was für ein Molière. Scapin heisst unser Schelm, «Scapins Streiche» das relativ unbekannte Stück, und was die Cie. Engel & Dorn und das Ensemble für alte Musik «il Cigno» daraus für das Tournéetheater Schloss Girsberg gemacht haben, hat Frische und Biss und ist eine witzige Weiterdichtung.

Mehr Frauen als bei Molière

Die Inszenierung lässt fast alle von Molières angestaubten Dialogen unverändert, strafft ein wenig (hätte mehr sein können), streicht Nebenfiguren und legt einige Sätze andern Personen in den Mund. Denn Simon Engeli, Noce Noseda und Giuseppe Spina haben die Personnage weiblicher definiert. Aus Octaves Vater Argante wird eine Mutter, aus Gerontes Sohn Hyacinte eine Tochter, aus dem zweiten Diener Sylvestre eine Sylvestra, die mit Scapin die Gelateria «il Cigno» betreibt. Dieses Neapel ist nicht mehr Molières Neapel vor 341 Jahren, sondern das Napoli der 50er-Jahre.

Hat sich wirklich etwas geändert? Die Stadt einen neuen Anstrich ebenso nötig wie das Eiscafé «il Cigno». Die Wäsche hängt von der Fassade, die Besitzer sind zwar aus gutem Hause, aber chronisch knapp: eine keifende und doch fragile Argente (Claudia Klopfstein), die liebend gern an Scapins Grappa nippt (den führte Molière noch nicht); Geronte ein tattriger Geizkragen mit vor Zorn blitzenden Augen und mitleiderregenden Gesten (Joe Fenner).

Die Diener sind im Grunde keine Diener mehr, sie denken selbständig und beherrschen sie perfekt, die arte dell'arrangiarsi, das «irgendwie über die Runden kommen». Und das ist im Italien von heute mehr denn je präsent.

Tanzt auf Nasen und Gerüsten

Das Anarchische in der Figur des Scapin, der Unrecht mit Unrecht vergilt, hat das Trio in die Neuzeit gerettet und noch überzeichnet. Der Tessiner Noce Noseda gibt ihn mit einer wunderbaren Mischung aus Nonchalance, Unverfrorenheit, Schmollmund und Wärme. Sein Scapin fasziniert und stösst ab zugleich. Noseda tanzt auf dem Gerüst, an dem das Bühnenbild hängt und das gleichzeitig die Schäbigkeit der Gelateria unterstreicht. Nicht minder klettern auf ihm auch andere Darsteller; das Stück bekommt so Tempo, Raum, Luft. Kein Wunder, denn sie haben Bewegungstheater bei Dimitri und Comart gelernt. Etwa Sara Francesca Hermann als Sylvestra: cool, resolut, auf dem Boden der Realität – und doch hilft sie Scapin mit einem Streich. Oder Simon Engeli, der den Octave bübisch steif und unnahbar, tapsig und doch herzlich mimt. Oder Benjamin Hirsch, ein gar jovialer Zerbino.

Vespafahrt und Sprachimpro

Die Inszenierung arbeitet mit Kontrasten und herrlichen Einfällen wie der Bohrmaschine als Degenersatz und der Vespa, auf der Octave mit Leandra vorfährt. Argante und Geronte (Geld und Gerontokratie!) stecken in historisierenden Kleidern, die jungen Frauen (prächtig überdreht: Cloé Coendoz als Leandra, Monika Kocher als Hyacinte) tragen Fünfziger-Klamotten, die Wunschpartner sind nicht Zigeuner, sondern fahrende Schauspieler. Und Scapin schweift immer wieder ins Italienische ab, Sylvestra ebenso und mischt dazu Romanisch und Bündnerdeutsch. Die zwei muss man nicht verstehen, sie muss man geniessen – sie sind die Lieblinge des Premierenpublikums.

Die Mafia darf nicht fehlen, die Scapin das Leben noch schwerer macht. Das ist der genialste Kniff im Stück – hinter den schwarzen Anzügen und Sonnenbrillen stecken die Musiker, die im Prolog als turisti die Bar geentert und Weissbier bestellt haben und wiederkommen, wenn die Irrungen und Wirrungen aufgelöst werden. «Il Cigno» nennen sich die fünf Musiker der Südwestdeutschen Philharmonie: Spezialisten für alte Musik, die zwischendurch genüsslich Ausflüge ins Volksliedgut machen, «Azzurro» singend die Bar heimsuchen oder auf «Pirates of the Caribbean» anspielen.