Scapins Streiche


  • Tagblatt 30.7.2012

    Ein frecher Sommerstreich

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    Engel & Dorn sind bekannt für Inszenierungen mit Witz und Tiefgang. (Bild: pd)

    BERNECK. Das Tournée-Theater der Compagnie Engel & Dorn gastiert diesen Sommer mit dem Freiluftspiel «Scapins Streiche» auf dem Schulhausplatz Bünt.

    MAYA SEILER

    Die herzerfrischende und urkomische Komödie von Jean-Baptiste Poquelin, genannt Molière, hatte vor 341 Jahren in Paris Premiere. Das Stück ist seither unsterblich, denn es hat Theatergeschichte geschrieben: Zum ersten Mal spielte ein Diener, der intrigante Bursche Scapin, die Hauptrolle. Das erklärt die Sonderstellung unter den zahlreichen barocken Verwechslungskomödien im Geist der italienischen Commedia dell'arte. Mit diesem Stück bietet die Compagnie Engel und Dorn genau die richtige Kost für laue Sommernächte.

    Mit allen Wassern gewaschen

    Scapin, ein gerissener Diener, legt mit Hilfe eines Kollegen zwei reiche Adlige herein. Die beiden gierigen alten Kaufleute begeben sich auf Geschäftsreisen und lassen ihre unverheirateten Söhne unter der Obhut der Diener zurück. Doch wenn die Katze ausser Haus, tanzen die Mäuse: Leander, einer der beiden Junggesellen, verliebt sich Hals über Kopf in die schöne Zerbinette. Octave, der zweite Jüngling, lernt die soeben aufgeblühte Hyazinthe kennen und heiratet sie vom Fleck weg. Alles schön und gut, wenn Zerbinette nicht von fraglicher Herkunft und Octave nicht einer anderen versprochen wäre. Als die Väter unerwartet zurückkehren, gerät die ganze Geschichte aus den Fugen. Scapins Gaunerstreiche können beginnen …

    Molières Prosakomödie «Les fourberies de Scapin» wurde 1671 in Paris uraufgeführt; seither hat das Stück um den pfiffigen Diener Scapin das Publikum jeder Epoche mit seiner Situationskomik erheitert.

    Dimitri-Schüler

    Die Theatertruppe Engel & Dorn, die 2008 «Die drei Musketiere» und 2010 das Stück «In 80 Tagen um die Welt» präsentiert hat, kommt in diesem Sommer wieder nach Berneck. Hinter der Compagnie stecken Simon Engeli und Giuseppe Spina, zwei Schauspieler aus Romanshorn. Mit von der Partie ist auch Andre Noce Noseda, in Berneck ebenfalls kein Unbekannter; daneben spielen weitere Absolventen der Theaterschule Dimitri.

    «Scapins Streiche» wurde von Engel & Dorn überarbeitet. Molières Ausgangspunkt war die Gegenwart, also ist auch in ihrer Inszenierung die Gegenwart der Ausgangspunkt. Diese Gegenwart wird im Bühnenbild, in den Dialogen und in den «Lazzi», den improvisierten Ausschweifungen der Hauptfiguren, zu sehen und zu hören sein. Das Kulturforum Berneck lädt am 29. August um 20 Uhr zum Freiluftspiel auf dem Schulhausplatz Bünt; bei schlechter Witterung findet die Aufführung in der Mehrzweckhalle statt.

    Karten können unter tickets@kulturforum-berneck.ch reserviert werden.


  • Thurgauer Zeitung, 18. August



    Molière mit Mafiamusik

    Sommertheater Girsberg: Scapin (Noce Noseda) und Sylvestra (Sara Francesca Hermann) bedienen Touristen aus dem Ensemble «il Cigno». (Bild: Dieter Langhart)

    Die Liebe siegt über das Geld, die Jungen setzen sich gegen eingerostete Ansichten durch, der Diener kehrt den Spiess um und befiehlt den Herrschaften – das ist Molière in der erfrischenden, einfallsreichen Inszenierung auf Schloss Girsberg.

    DIETER LANGHART

    KREUZLINGEN. Holla! So muss eine Komödie enden: «Oh welche Freude, oh welche Überraschung, oh welche Glückseligkeit!» Zwei junge Menschen haben ihre Liebe gefunden – bevor ihre Eltern sie zwangsverheiraten konnten. Geholfen hat ihnen ein gutgesinnter Freund, der die Eltern vorgeführt und hinters Licht geführt hat, der sich deftige Streiche mit ihnen erlaubt hat und zum Schluss bescheiden meint: «Ich bin bloss ein kleiner Schelm.» Und dann anfügt: «Was du eben gesehen hast, ist nicht nur mein Werk, das ist das Werk von … Molière!»

    Holla! Und was für ein Molière. Scapin heisst unser Schelm, «Scapins Streiche» das relativ unbekannte Stück, und was die Cie. Engel & Dorn und das Ensemble für alte Musik «il Cigno» daraus für das Tournéetheater Schloss Girsberg gemacht haben, hat Frische und Biss und ist eine witzige Weiterdichtung.

    Mehr Frauen als bei Molière

    Die Inszenierung lässt fast alle von Molières angestaubten Dialogen unverändert, strafft ein wenig (hätte mehr sein können), streicht Nebenfiguren und legt einige Sätze andern Personen in den Mund. Denn Simon Engeli, Noce Noseda und Giuseppe Spina haben die Personnage weiblicher definiert. Aus Octaves Vater Argante wird eine Mutter, aus Gerontes Sohn Hyacinte eine Tochter, aus dem zweiten Diener Sylvestre eine Sylvestra, die mit Scapin die Gelateria «il Cigno» betreibt. Dieses Neapel ist nicht mehr Molières Neapel vor 341 Jahren, sondern das Napoli der 50er-Jahre.

    Hat sich wirklich etwas geändert? Die Stadt einen neuen Anstrich ebenso nötig wie das Eiscafé «il Cigno». Die Wäsche hängt von der Fassade, die Besitzer sind zwar aus gutem Hause, aber chronisch knapp: eine keifende und doch fragile Argente (Claudia Klopfstein), die liebend gern an Scapins Grappa nippt (den führte Molière noch nicht); Geronte ein tattriger Geizkragen mit vor Zorn blitzenden Augen und mitleiderregenden Gesten (Joe Fenner).

    Die Diener sind im Grunde keine Diener mehr, sie denken selbständig und beherrschen sie perfekt, die arte dell'arrangiarsi, das «irgendwie über die Runden kommen». Und das ist im Italien von heute mehr denn je präsent.

    Tanzt auf Nasen und Gerüsten

    Das Anarchische in der Figur des Scapin, der Unrecht mit Unrecht vergilt, hat das Trio in die Neuzeit gerettet und noch überzeichnet. Der Tessiner Noce Noseda gibt ihn mit einer wunderbaren Mischung aus Nonchalance, Unverfrorenheit, Schmollmund und Wärme. Sein Scapin fasziniert und stösst ab zugleich. Noseda tanzt auf dem Gerüst, an dem das Bühnenbild hängt und das gleichzeitig die Schäbigkeit der Gelateria unterstreicht. Nicht minder klettern auf ihm auch andere Darsteller; das Stück bekommt so Tempo, Raum, Luft. Kein Wunder, denn sie haben Bewegungstheater bei Dimitri und Comart gelernt. Etwa Sara Francesca Hermann als Sylvestra: cool, resolut, auf dem Boden der Realität – und doch hilft sie Scapin mit einem Streich. Oder Simon Engeli, der den Octave bübisch steif und unnahbar, tapsig und doch herzlich mimt. Oder Benjamin Hirsch, ein gar jovialer Zerbino.

    Vespafahrt und Sprachimpro

    Die Inszenierung arbeitet mit Kontrasten und herrlichen Einfällen wie der Bohrmaschine als Degenersatz und der Vespa, auf der Octave mit Leandra vorfährt. Argante und Geronte (Geld und Gerontokratie!) stecken in historisierenden Kleidern, die jungen Frauen (prächtig überdreht: Cloé Coendoz als Leandra, Monika Kocher als Hyacinte) tragen Fünfziger-Klamotten, die Wunschpartner sind nicht Zigeuner, sondern fahrende Schauspieler. Und Scapin schweift immer wieder ins Italienische ab, Sylvestra ebenso und mischt dazu Romanisch und Bündnerdeutsch. Die zwei muss man nicht verstehen, sie muss man geniessen – sie sind die Lieblinge des Premierenpublikums.

    Die Mafia darf nicht fehlen, die Scapin das Leben noch schwerer macht. Das ist der genialste Kniff im Stück – hinter den schwarzen Anzügen und Sonnenbrillen stecken die Musiker, die im Prolog als turisti die Bar geentert und Weissbier bestellt haben und wiederkommen, wenn die Irrungen und Wirrungen aufgelöst werden. «Il Cigno» nennen sich die fünf Musiker der Südwestdeutschen Philharmonie: Spezialisten für alte Musik, die zwischendurch genüsslich Ausflüge ins Volksliedgut machen, «Azzurro» singend die Bar heimsuchen oder auf «Pirates of the Caribbean» anspielen.


  • Südkurier 11.08.

    Wenn der Diener seinen Herren Streiche spielt

    Südkurier 11.08.2012

    Octave (Simon Engeli, rechts) ist verzweifelt und sucht Hilfe bei Sylvestra (Sara Hermann, links) und Scapin (Andrea Noce Noseda, im Hintergrund)  Bild: fröse

    Kulturtage Laufenburg: Besucher erleben einen vergnüglichen Theaterabend unter freiem Himmel in der Codmananlage. Begleitung durch Live-Musik aus Konstanz

    Die Kulturtage Laufenburg zeichnen sich Jahr für Jahr immer wieder durch ein vielfältiges Programm aus. Am Donnerstagabend stand für das begeisterte Publikum in der einmaligen Naturkulisse der Laufenburger Codmananlage ein Freiluftspiel auf dem Programm. Das Tournée-Theater der Compagnie Engel & Dorn gastierte mit einer Vorpremiere zu der temporeichen Komödie „Scapins Streiche“ aus der ursprünglichen Feder von Jean-Baptiste Molière (1622 bis 1673). Mit von der Partie waren zudem Musiker der Konstanzer Gruppe Il Cigno (Der Schwan), welche die Aufführung, teils in ungewöhnlicher Kostümierung wie etwa als sommerlich gekleidete Touristen oder in Mafioso-Aufmachung, mit brillant dargebrachter Musik des 17. Jahrhunderts umrahmten. Was schon die Zuschauer am Hofe Ludwig XIV. verzückte, verfehlte seine Wirkung auch nicht bei den Zuschauern in der Codmananlage. Die Streiche und Intrigen des Dieners Scapin stehen im Mittelpunkt des Stücks. „Ich tu was ich kann, was ich nicht kann, überlasse ich dem Schicksal“, interpretiert dieser sein Tun. Darsteller des Scapin war Andrea Noce Noseda, der mit Simon Engeli, er spielte den jungen Octave, für Idee und Regie verantwortlich zeichnete. Mit viel List und einer tüchtigen Portion Verschlagenheit führt Scapin die Herrschaften Argante (Claudia Klopfstein) und Geronte (Joe Sebastian Fenner) hinters Licht. Er erleichtert sie obendrein um einen ansehnlichen Batzen Bargeld.

    Die Alten planen die Heirat ihrer beiden Kinder Octave und Leandra (Cloé Coendoz). Die Kinder haben allerdings ganz andere Pläne. Sie haben sich bereits heimlich, entgegen aller gesellschaftlichen Konventionen, mit Hyacinte (Monika Kocher) und Zerbino (Beni Hirsch), zwei fahrenden Schauspielern, verheiratet. Sylvestra (Sara Hermann) geht Scapin bei dessen listigen Aktionen zur Hand. Diese bringen ihn allerdings beinahe um Kopf und Kragen.

    Die herzerfrischende Komödie, die mit einigen modernen Elementen angereichert ist, folgt größtenteils der Fassung von Molière. Die Moderne, verkörpert durch den Ort des Geschehens, eine Eisdiele, Espressomaschine und Vespa, trifft auf das Altertum, das sich in der antiken Kostümierung von Argante und Geronte widerspiegelt. Das Stück stellt die althergebrachten Vorstellungen der reichen Alten bloß. Schlussendlich führt die, jedenfalls für damalige Zeiten, moderne Form der selbstbestimmten Partnerwahl zu einem letztendlich glücklichen Ende für alle.


  • Badische Zeitung 18.7.


    Ein Hauch von Bella Italia

    Badische Zeitung 18.7.2012

    Pfiffig und frech: Die Theatergruppe Engel & Dorn brachte Molières "Scapin" in die Codmananlage.

    Ein köstlicher Theaterspaß war die Molière-Komödie von „Scapin“ in der Codmananlage. Foto: Roswitha Frey


    LAUFENBURG. Ein Geizhals, eine Schreckschraube im Reifrock, zwei Liebespaare und ein listiger Schelm, der alle an der Nase herumführt: Das waren die Hauptfiguren eines köstlichen Theaterspaßes unter freiem Himmel in der Codmananlage. Die Theatergruppe Engel & Dorn amüsierte bei den Laufenburger Kulturtagen am Donnerstagabend gut 150 Zuschauer mit einer frechen, modernen und sehr witzigen Inszenierung der Molière-Komödie "Die Schelmenstreiche des Scapin". Und dieses Mal war den Veranstaltern sogar das Wetterglück hold.

    Direkt am Rhein hat die muntere Schauspieltruppe eine Gelateria aufgebaut, eine italienische Eisdiele, die vom Wirt Scapin betrieben wird. Da verwandelte sich die Anlage in eine sommerlich belebte neapolitanische Piazza. Die Musiker des Ensembles Il Cigno kommen als Touristen in bunten T-Shirts und Ferienlaune auf die Bühne, packen in der Bar ihre historischen Instrumente aus und spielen mit tänzerischem Esprit auf Flöten, Cello, Viola da Gamba und Spinett französische Barockmusik von Lully und Rameau – passend zur Zeit des großen Molière.

    Einfallsreich, mit turbulenter Situationskomik und sprühender Spiellaune peppen die jungen Schauspieler Molières gallige, gesellschaftskritische Komödie auf. Geschickt versetzt das Regie-Duo Simon Engeli und Andrea Noce Noseda die typischen Molière-Figuren ins heutige Italien, bringt Anspielungen auf die "neumodische" Zeit und originelle Zitate aus der Theaterwelt ein. Die jungen Darsteller spielen in Kleidung von heute, in Jeans und kurzen Röcken, manchmal kommt auch ein Hauch von Bella Italia der Fünfzigerjahre auf, wenn Leandra mit ihrem Lover auf der Vespa dahergeknattert kommt. Originell ist die Idee, die Musiker mal als Urlauber, mal im Mafioso-Look mit dunklen Anzügen und Sonnenbrillen ins Spielgeschehen einzubinden.

    Dreh- und Angelpunkt der verzwickten Geschichte ist der listenreiche Scapin, der zwei jungen Verliebten aus der Patsche helfen muss. Denn sie haben sich in Schauspieler einer fahrenden Truppe verguckt. Das bringt Vater Geronte und Mutter Argante in Rage, die ganz andere Heiratspläne für ihre Sprösslinge haben. Sympathisch verschmitzt spielt Andrea Noce Noseda das Schlitzohr Scapin, der die zwei stinkreichen Geizhälse überlistet und ihnen das Geld aus der Tasche zieht. "Wir drehen das Ding", sagt er über seine Schwindeleien. Wie er das macht, stellt der Titelheld mit umwerfender komödiantischer Verve, temporeich und mit augenzwinkerndem Charme dar. Ordentlich Paroli gibt ihm Sara Hermann als patente Kellnerin Sylvestra mit sehr losem Mundwerk.

    Als lautstark zeternde Zicke im ausladenden roten Reifrock mit weißer Perücke stöckelt Claudia Kopfstein als bösartige Madame Argante daher. Eine ebenso karikaturhaft zugespitzte Molière-Figur voller lächerlicher Eitelkeit und Knauserigkeit gibt Joe Fenner in historischem Kostüm als knickeriger Geldsack Geronte, der viel Prügel einstecken muss.

    Mit erfrischendem Übermut agieren die beiden Liebespaare: Simon Engeli als Octave mimt slapstickreif den verklemmten Collegeboy mit Scheitel und Mutterkomplex, der schon mal mit Hechtsprung hinter die Kulissen in Deckung abtaucht; und Monika Kocher ist eine entzückende, kesse, schwärmerische Hyacinthe, die gern mal ins Shakespeare-Dramenfach abschweift. Cloé Coendoz als temperamentvoll-hitzköpfige Leandra und Benjamin Hirsch als ihr lässiger Hippie-Lover Zerbino sind ebenfalls sehenswert als flottes Paar in diesem spritzigen Lustspiel.

    "Scapins Streiche" so pfiffig und frech, mit entlarvendem Humor aktualisiert und mit schwungvoller Musik aufgefrischt – das fand riesigen Beifall der bestens unterhaltenen Zuschauer.