Thurgauer Zeitung 19. Aug 2010

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In zwei Stunden um die Welt

Jules Verne liess Phileas Fogg 1872 in 80 Tagen um die Welt reisen, das Tourneetheater Schloss Girsberg schafft das in zwei Stunden. Die Premiere der spritzigen Inszenierung hatte Wetterglück und war nicht in die Scheune verbannt.

DIETER LANGHART

Keine einzige Durchlaufprobe war der Truppe draussen vergönnt gewesen, doch zur Premiere am Dienstag wagte sie es und holte die Bühne aus der Scheune des Schlosses. Der Himmel hielt, nicht mehr als drei Tropfen fielen über der letzten Szene, und die Zuschauer (viele in Jacken und unter Wolldecken) genossen das Stück, das zwar erst in Fahrt kommen musste und sich den ersten Zwischenapplaus nicht vor dem Glockenschlag des Big Ben verdiente, als es ihn nochmals in ein Lied verpackte. Jules Vernes Geschichte ist nicht leicht zu erzählen, eine gekürzte Hörbuchfassung dauert schon sieben Stunden. Ensemble und Regisseur Andrea Noce Noseda haben manchen Einfall streichen müssen, der mit seinen utopischen Romanen weltberühmt geworden ist. Im Jahre 1872 geht eine Neuigkeit um die Welt. Der Exzentriker Phileas Fogg (Simon Engeli) wettet in seinem Londoner Herrenclub, dass es unter günstigsten Umständen und unter Ausnutzung aller verfügbarer Verkehrsmittel möglich ist, die Erde in 80 Tagen zu umrunden.

Gentleman als Bankräuber?

Mit dabei, wenngleich etwas unfreiwillig, ist sein Diener Passepartout (Joe Fenner), der sich nach der Sesshaftigkeit und Stetigkeit eines englischen Gentlemans gesehnt hat. Zur gleichen Zeit wird von Detektiv Fix (Giuseppe Spina) ein dreister Bankräuber gesucht, der es gewagt hat, die Bank of England zu erleichtern. Fogg gerät unter Verdacht, und so wird die Reise um die Erde zu einer wilden Jagd um den Globus, bei der die indische Prinzessin Aouda (Marcella Moret) vor dem Feuertod gerettet wird.Die «Reise um die Erde in 80 Tagen» ist keine beschauliche Bildungsreise. Verne hat die damals noch kaum zu fassenden technischen Errungenschaften humorvoll und kritisch relativiert. Die Compagnie Engel&Dorn setzt noch eins drauf mit witzigen Einfällen (manchen aus der Neuzeit), die im Publikum manchen Lacher holen. Ihre Bühnenfassung gibt sich als flinke Kuriositätenschau, Figuren und Handlung sind oft possenhaft überzeichnet. Ganz in der Tradition des volksnahen Strassentheaters schlüpft jeder Spieler (die genannten plus Benjamin Hirsch und Stefano Benini) in mehrere Rollen, gehört viel Bewegung und eine Prise Akrobatik und ein Hauch von Zirkus dazu – auf den drei Ebenen der raffinierten Bühne (Madlaina Janett), deren Kulissenelemente sich wie in einem Klappbuch hervorziehen und versenken lassen: Big Ben oder Minarett, Elefant oder Schlange, Zugabteil oder Aktienbarometer.

Die Welt wird kleiner

Erklärungen und Überleitungen dienen zwar der Geschichte, bremsen aber die Dynamik, denn die Inszenierung kann der linearen Vorlage auch mit Liedern und Musik nicht entkommen. Stark ist sie, weil sie immer wieder bricht und verwischt und überlagert: Handlung, Dialoge, Rollen. Ist das Tempo in den ersten Szenen noch klebrig, zieht das Stück an und wird rhythmischer, um still und nachdenklich zu enden: «Die Welt wird kleiner werden.» Das Publikum klatscht und pfeift und ruft «Bravo» zur Premiere. Der Applaus ist verdient. Und das Wetter soll wärmer werden.