Kreuzlinger Zeitung 20. Aug 2010


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Beatles, Salsa – und Nieselregen

Schloss Girsberg – Noch heute und morgen ist «In 80 Tagen um die Welt» von Jules Verne auf Schloss Girsberg zu sehen: Ein vergnügliches Musiktheater, gespickt mit popkulturellen Verweisen. - sb 

Welche Musikgruppe wird gemeinhin mit Liverpool assoziiert? Richtig! Die Beatles. Auf welchen Sound stehen amerikanische Hinterwäldler? Country. Wieder richtig! Dürfen Salsa-Klänge ertönen? Darf die Melodie von «Alle meine Entlein» angespielt werden? Ja, sie darf!

Flott und modern

«In 80 Tagen um die Welt» von Jules Verne entführt das Publikum in der aktuellen Inszenierung des Girsberg-Sommertheaters nicht nur in verschiedene Kulturkreise rund um den Globus, sondern stellt immer wieder Bezüge zu Popkultur und Gegenwartsgeschehen her. Regisseur Andrea Noce Noseda setzt die angestaubte Vorlage dabei rasant und clever um und scheut sich nicht, Kunstgriffe des Kinos anzuwenden.


Rasch nimmt die Aufführung dadurch an Fahrt auf: Gentleman Phileas Fogg (distinguiert gespielt von Simon Engeli) und sein Diener Passepartout (quicklebendig und mit viel Komik von Joe Fenner gespielt) sind bereits nach wenigen Minuten auf der Reise. Was das in London für Wellen schlägt, verdichtet Regisseur Noseda in einer filmischen Montage: Die Kartenspieler des Reformklubs empfangen Zeitungsmeldungen – nicht nur aus Italien, sondern auch von der Thurgauer Zeitung – wenn die Medien der damaligen Zeit von Foggs Reise berichten. Musikalisch untermalt steigt und fällt die 80-Tage-Aktie an der Börse, je nachdem, ob die Abenteuer den Zeitplan einhalten können oder nicht. 

Bühne wie ein Klappbuch
Die sechs Schauspieler des Ensembles schlüpfen dabei immer wieder in andere Rollen oder begleiten das Geschehen auf ihren Instrumenten – schon rein logistisch eine Meisterleistung. Zwei Klapphocker und der riesige Reisekoffer sind die wenigen «festen» Bestandteile des Bühnenbildes. Von den Schauspielern selbst werden aus Schlitzen Holzpaneele herausgezogen, an Winden hinaufgeseilt oder im Hintergrund ausgeklappt – ein mobiles, zweidimensionales, buntes Bühnebild. Alle sind Schauspieler, Musiker, Bühnenbildner und Requisiteure zugleich. Und Erzähler.

Durchbruch der Metaebene

Einen grossen Reiz birgt der Wechsel der Erzählperspektive und das Durchbrechen der Metaebene – meist ist es Passepartout, dann wieder Phileas Fogg oder Detektiv Mister Fix (vielseitig: Giuseppe Spina), die von den Geschehnissen berichten und das Publikum direkt anreden. Giuseppe Spina beispielsweise klärt das Publikum über Schauspieltechniken auf oder weist auf die Budgetknappheit hin. An einer Stelle werden die Zuschauerinnen und Zuschauer von Joe Fenner zum Mitklatschen animiert – da wirkt das Geschehen schon beinahe clownesque.

Sie wollten einen leichten Stoff, der sich fürs Sommertheater eignet, hatte das Ensemble Engel & Dorn im Vorfeld mitgeteilt. Während anderswo also komplexe Themen wie Sex, Religion, Fremdenfeindlichkeit, Unterdrückung, Ausgrenzung, nationalsozialistischer Terror oder kapitalistische Gier auf die Bühne gebracht wurden, punktete das Tourneetheater mit Spritzigkeit, Sprachwitz und Tempo – und Komik, die nicht nur den anwesenden Kindern zu gefallen wusste. Selbst leichter Nieselregen konnte den Spass an der Vorstellung am vergangenen Mittwoch nicht trüben. Die meisten Anwesenden hatten Regencapes und warme Kleidung dabei. 

«In 80 Tagen um die Welt» von Jules Verne ist noch heute und morgen Abend auf Schloss Girsberg zu sehen. Abendkasse und Bewirtung ab 18 Uhr.